Wie füttert man zwei Esel…

Zwei Freunde

…oder die ungewöhnlichste Wanderung der Familie Tantz (Teil 1)

Sommer 2020

In diesem Jahr sollte es etwas Besonderes sein. Ohne zu wissen, dass unsere Urlaubsidee zufällig völlig coronakonform zu realisieren sein würde, buchten wir nach längeren Recherchen und voller naiver Vorfreude unsere erste Eselwanderung. In der Uckermark sollte es sein, genau wie im kürzlich mit Vergnügen erlebten Hörbuch „Urlaub mit Esel“ von Michael Gantenberg.

Der romantischen Vorstellung erlegen, dass uns ein paar Tage absoluter Entschleunigung mit zwei süßen Eselchen bevorstanden, packten wir unser minimales Gepäck in die neuen Wanderrucksäcke plus Schlafsäcken und fuhren fröhlich nach Flieth-Steglitz auf den Biohof von Katrin, dem Zuhause von etwa zehn Eselchen, die mehr oder weniger gern Wanderungen mit Urlaubern unternehmen. Die erste Nacht wollten wir vor Ort verbringen und schon mal unsere zwei Reisebegleiter kennenlernen. Edna und Elias (der Boss der „Bande“ und immer zu „Scherzen“ aufgelegt), interessierten sich eigentlich gar nicht für uns, aber wir waren guter Dinge, dass sich das ab dem nächsten Morgen und in den Tagen intensiven Zusammenseins ändern würde. Wir waren sicher!

Familie Tantz unterwegs

Nach einer Nacht im Schäferwagen gleich neben der Koppel und einem opulenten Frühstück im Hofladen des Biohofes, erhielten wir die Einweisung zum Umgang mit den Eseln, der Handhabung des Gepäcks (das haben die Esel und wir uns geteilt) und einzuhaltenden Pausen. Auf keinen Fall sollten sie am Wegesrand fressen, lieber sollten viele Pausen eingelegt werden. Kein Problem, dachten wir. Wir wollten ja entschleunigen, da kamen uns viele Pausen sehr gelegen. Daraufhin bekamen wir von Katrin eine Karte mit der etwaigen Wegbeschreibung in die Hand gedrückt und beluden gemeinsam die Esel. Eine Runde um den Oberuckersee in 4 Tagen, nichts leichter als das. Auf ging´s.

Tag 1

…führte uns von Flieth-Steglitz nach Klein-Fredenwalde. Es handelt sich, wie wir später herausfanden, um eine Strecke, die ohne Esel zu Fuß in ca. 1 h bewältigt werden könnte. Ohne Esel!

Der Esel trägtMit Esel hingegen befanden wir uns zwei Stunden nach unserem Start noch immer an derselben Stelle, naja 5 m waren wir vielleicht vorangekommen. Elias war erst gestern von einer anderen Wanderung zurückgekehrt und hatte partout keine Lust, heute schon wieder loszulaufen. Er sträubte sich und wand sich wieder und wieder aus unserem gerade erst erlernten Griff zur Lenkung in die richtige Richtung. Dann fand er die Häppchen auf dem Rasen interessanter und musste mühsam wieder auf den Weg gezogen werden. Da stand er wieder, alles Ziehen, Schieben, Gutzureden, genervtes Schimpfen half nichts. Er stand, wo er stand, und blökte zu seinem Stall zurück zu seinen Kumpels. Edna hingegen trippelte mit dem Gepäck mal zu diesem Zweig, mal zu jenem Grashalm und knabberte seelenruhig daran herum. Inzwischen waren wir nicht mehr ganz so fröhlich, es half nichts: wir mussten Katrin anrufen und um Hilfe bitten, hatte sie uns doch aufgetragen darauf zu achten, spätestens 15 Uhr an mindestens der Hälfte der Strecke zu sein, damit die gebuchte Unterkunft des Tages noch pünktlich vor dem Abend erreichbar ist.

Nun, sie konnte uns helfen und verriet uns noch ein paar wichtige Tipps und Tricks, z. B. musste Elias immer vorn laufen als Boss, notfalls wurde mal hinter ihm geklatscht oder mit ein paar Zweigen geraschelt. Endlich setzte er sich also in Bewegung, Edna folgte, wir hielten wie gebannt den Atem an und unsere Esel am Seil. Wir versuchten, ihnen gut zuzureden und Geschichten zu erzählen, wie uns geraten wurde. Wir waren froh über jeden reibungslosen Schritt und freuten uns, nach ca. 800 m den angeratenen Rastplatz erreicht zu haben, denn Esel bestehen auf ihrer Frühstückspause. Also erste Pause, Zeit genug war ja vergangen. Wir kümmerten uns – wie gelernt – um die Esel, entluden das Gepäck, sicherten die Esel mit dem Seil an einem Platz, an dem sie auch genug zu fressen finden konnten, breiteten unsere Decke aus und ließen uns, bereits ein wenig erschöpft, mit unserem Proviant nieder. Nachdem wir die erste Brotdose geöffnet hatten, tat sich der Himmel auf und schüttete Regenwasser in großer Menge über uns aus. Ein sehr schönes Erlebnis. Triefend vor Nässe versuchten wir in aller Eile, alles wieder zusammenzupacken und flüchteten mit den Eseln, die zum Glück sogleich gehorchten, unter einen größeren Baum. Dort warteten wir die letzten Tropfen ab und suchten in unserem kleinen Gepäck trockene Sachen und Regencapes. Zwei FreundeNach gelungenem Kleiderwechsel und ein paar flüchtigen Happen aus der Dose ging‘s dann mit Regencape im Sonnenschein weiter. Der nächste Wegabschnitt bis zur zweiten Pause gelang uns Vieren ganz passabel, obwohl es schon ungewöhnlich war, mit Eseln die Landstraße entlang zu wandern und Ruhe zu bewahren, während Autos überholten. Nach der etwas suboptimalen zweiten Pause für die Esel – sie standen auf einer Wiese, auf der das Gras nicht zu schmecken schien, denn sie stierten nur scheinbar beleidigt vor sich hin – schnallten wir alles wieder an und gingen zuversichtlich weiter bis wir an eine Wegkreuzung kamen. Die Esel gingen geradeaus – wir folgten. Schließlich sollten die Esel den Weg ja kennen, sie gingen ihn des Öfteren. Es war ein Fehler! Dieser Weg führte eine Straße entlang, die von Apfelbäumen gesäumt war. Die schienen den Eseln zu schmecken, so dass sie aller 2 m an den Rand zogen, um die heruntergefallenen Äpfel aufzusammeln. Wir kamen im Schneckentempo voran und hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie doch nicht am Wegesrand fressen sollten. Alle Versuche, die beiden zum Weitergehen zu motivieren, blieben leider erfolglos. Sie wussten genau, dass sie kräftiger waren als wir und drängten uns unbekümmert sanft immer wieder in die Richtung, die ihnen besser passte. Wir hatten keine Chance. Immerhin hatten wir jede Menge Zeit für ein lustiges Schwätzchen mit vorbei radelnden Urlaubern, die sich an unserem ungewöhnlichen Anblick erfreuten. Am Ende der Straße angekommen, checkten wir die Karte und mussten der (wahrscheinlich richtigen) größeren Straße nach rechts folgen. Das war kein Vergnügen, denn die Esel fanden weiterhin Gefallen an den Köstlichkeiten am Wegesrand, während uns LKWs und die Berufspendler überholten. Nach einer gefühlten Ewigkeit und schon reichlich genervt, erblickten wir endlich einen Kirchturm, der zu Klein-Fredenwalde gehören musste. Wir schöpften Hoffnung, es gleich geschafft zu haben. Weit gefehlt! Wir hatten diese Rechnung ohne die Esel gemacht. Als endlich der Abzweig von der Straße ins Dorf zu sehen war, nahmen die Esel – plötzlich voller Energie – an Fahrt auf und erhöhten das Tempo unerwartet.

Mit dem Esel unterwegsSie stürzten sich in ein Luzernenfeld, rissen uns unweigerlich mit sich und taten sich gütlich an den Pflanzen. Wir standen zusammen im Feld, mindestens 1 ½ Stunden! Alles Ziehen, Schieben, Flehen, Verfluchen, Zetern half nix, sie fraßen und fraßen und waren völlig unbeeindruckt ob unseres Verhaltens. Es war zum Piepen. Irgendwann hatten wir es unter Aufbietung unserer letzten Kräfte geschafft, die Esel ins Dorf zu locken, es war das richtige Dorf. Gott sei Dank! Völlig desillusioniert kamen wir gegen 17.30 Uhr bei unserem ersten Gastgeber Thomas an. Wir waren fix und fertig. Aber was sollen wir sagen: wir haben uns verliebt, in dieses Dorf, in diesen Hof. Er begrüßte uns sichtlich erleichtert, dass wir endlich eintrafen. Wir brachten gemeinsam die Esel auf ihre Koppel zur Übernachtung, wo sie schon wieder etwas zu fressen bekamen. Thomas hat es dann geschafft, uns so gut zu bewirten und einen so schönen Platz in seinem liebevoll gestalteten Hof zu überlassen, dass am Abend beim Wein, seinen Geschichten von anderen Eselwanderern und guten Geheimtipps zum Führen der Esel aller Stress vergessen war. Übrigens: an der Wegkreuzung hätten wir abbiegen müssen, nach rechts! Wir hätten das Luzernenfeld nie passieren müssen und wären zwei Stunden eher am Ziel gewesen! Unsere Lektion an diesem Tag: Traue nie einem Esel über‘n Weg, zumindest
nicht am ersten Tag!

„Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!“ (Oskar Wilde)

Fortsetzung folgt…

Hildegard Hayessen

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